Abdecktherapie

Sehfehler- Augen zu und durch

Von Martina Lenzen-Schulte

Schwachsichtigkeit ist die häufigste Augenerkrankung im Kindesalter - und eines der häufigsten Leiden überhaupt. Rund drei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen, daher hat das Leiden schon den Rang einer Volkskrankheit. Zumeist ist ein Auge bedroht, etwa wenn es wegen Schielens das eigentlich zu fixierende Objekt nicht im Blick behält. Das bessere Auge übernimmt dann die Führungsrolle. Tückischerweise weist längst nicht in jedem Fall eine Schielstellung den Weg zur frühen Diagnose. Auch eine Verkrümmung der Hornhaut eines Auges kommt als Ursache in Frage. Schon seit Jahrhunderten behandelt man, sofern rechtzeitig erkannt, die Schwäche des einen Auges dadurch, dass man den leistungsfähigeren Partner abdeckt. So zwingt man gleichsam das schwache Auge, sich aufzurappeln, alle Kräfte zu mobilisieren und besser sehen zu lernen. Das Ziel besteht darin, jene Verschaltungen vom Auge zum Gehirn aufrechtzuerhalten und zu stärken, die sich in der Kindheit - und auch nur dann - formieren. Sonst bleibt für immer eine Sehschwäche zurück. Sie macht sich vor allem im mangelhaften räumlichen Sehen bemerkbar, das von zwei intakten Augen abhängig ist und eine unabdingbare Voraussetzung für viele Berufe darstellt. Zudem ist die Gefahr einer schwerwiegenden Sehbehinderung größer, wenn wegen einer Verletzung oder Krankheit auch noch das funktionstüchtige Auge Schaden nimmt.

Neue Technik zeigt, ob Therapie befolgt wird

Obwohl es die Abdecktherapie schon so lange gibt, weiß man im Grunde bisher wenig darüber, wie gut sie befolgt wird. Seit kurzem sind jedoch Abdeckvorrichtungen verfügbar, die eine Art elektronischen Überwachungsmonitor beinhalten. Er zeichnet genau auf, wie lange das Kind tatsächlich das gesunde Auge abgedeckt hält. Mit Hilfe dieser objektiven Messmethode wurde von der Universitätsaugenklinik in Rotterdam aus durch Huibert Simonsz und Sjoukje Loudon eine europäische Studie initiiert, an der sich auch die Frankfurter Universitätsaugenklinik beteiligte.
Sie verfügt derzeit als einzige deutsche Klinik über die neue Technik. Insgesamt wurden 310 fehlsichtige Kinder über einen längeren Zeitraum begleitet. Alle drei Monate testete ein Team auf diese Weise das Sehverhalten der Patienten, genauer: in welchem Umfang sie sich an die Therapieempfehlungen hielten. Verstand die Mutter des kleinen Patienten die Landessprache nicht oder kaum, wurden die Vorgaben nur gut zur Hälfte eingehalten. Beherrschte die Mutter die Sprache jedoch, war dies zu fast drei Vierteln der Fall. Außerdem entschied der Schweregrad der bereits vor der Therapie vorhandenen Fehlsichtigkeit über die Bereitschaft der Patienten zum Mitmachen.

Abdeckstunden von Arzt zu Arzt verschieden

Sehr schlechte Werte bewirkten, dass die Anweisungen nur zu knapp 60 Prozent befolgt wurden, Kinder mit den besten Ausgangswerten hielten sich zu etwa 80 Prozent daran ("Investigative Ophthalmology & Visual Science", Bd. 47, S. 4393). Allerdings gehen die Ergebnisse der Untersuchung über die bloße Messung der „Folgsamkeit" der Patienten und der Eltern hinaus. Als Ärztin mit Erfahrung in den Neurowissenschaften leitet Maria Fronius in Frankfurt die Forschungseinheit „Sehstörungen des Kindesalters" und hat mit ihrer Arbeitsgruppe auf deutscher Seite zu dieser Studie beigetragen. Erstmals, so betonte sie in einem Gespräch, gibt es eine Möglichkeit, die Therapie nach objektiven Maßstäben mit dem Erfolg zu verknüpfen. Im Klinik- und Praxisalltag wichen nämlich die Verordnungen zum Teil erheblich voneinander ab. So sollten manche Kinder das Auge am Tag eine Stunde abdecken, andere hingegen acht Stunden - und das bei ähnlichen Ausgangsbefunden. Manche Eltern suchten daher zum Teil einen zweiten, weniger strengen Arzt auf, in der Hoffnung, er werde auch bei ihnen die Zahl der Abdeckstunden reduzieren.

Stellte sich zudem heraus, dass sich die Sehfähigkeit nach solch einer individuellen Anordnung nicht bessere, so werde gleichsam automatisch mehr Abdeckzeit verordnet - ohne eigentlich zu wissen, ob das Kind die Zeiten gänzlich, zur Hälfte oder gar nicht eingehalten habe. Daher wolle man jetzt mit Hilfe dieser Testmethode die ersten evidenz-basierten Leitlinien erarbeiten, die den Experten eine Art Richtschnur an die Hand geben sollten. Das wird auch deshalb dringend geboten sein, weil derzeit immer mehr erfahrene Orthoptisten die Augenarztpraxen verlassen müssen, da sich nur noch wenige Fachärzte diese in der Diagnose und Behandlung der Schwachsichtigkeit im Kindesalter hochqualifizierten Mitarbeiter leisten können.

Sticker als Belohnung

Die Ärzte selbst, die oftmals nicht über einen so großen Erfahrungsschatz mit diesen Defiziten bei Kindern verfügen, sind infolgedessen noch viel eher auf Entscheidungshilfen angewiesen. Innerhalb dieser Studie wurde zudem überprüft, wie man jenen Kindern, deren Familie etwa aufgrund eines Migrationshintergrundes kaum die Landessprache sprechen, besser vermitteln kann, warum das Abdecken so wichtig ist. Es wurden nicht nur Informationsblätter in acht Sprachen für die Eltern entworfen. Die Kinder erhielten außerdem eine Art Comic-Heft, das ihnen in Bildern die Therapie erläuterte. Womöglich unterstützt man damit auch das Verständnis bei jenen Müttern, die selbst nicht lesen können. Schließlich gab es für die Kinder Sticker zur Belohnung, wenn die Abdeckung den Anforderungen gemäß getragen worden war.
Mit Hilfe dieses vergleichsweise einfachen und zeitsparenden Modells ließ sich die Befolgung der Therapieempfehlung erheblich verbessern. Das ergab ein Vergleich, für den man die Kinder in zwei Hälften von je 155 Teilnehmern aufgeteilt hatte. Die einen erhielten das Spezialprogramm, die anderen wurden nur auf herkömmliche Weise betreut. Zudem zeigte sich, dass unter der einfachen Standardberatung 23 Kinder die Behandlung vollkommen ignorierten, während dies nur bei drei Kindern der mit den besonderen Hilfsmitteln aufgeklärten und motivierten Gruppe der Fall war. Derzeit ist die Studiengruppe dabei, die umfangreichen Angaben der Eltern in den ausgegebenen Fragebögen auszuwerten, um herauszufinden, welche anderen Einflussgrößen noch für die Behandlung förderlich oder hinderlich sind.

Text: F.A.Z., 08.01.2007, Nr. 6 / Seite 32
Bildmaterial: Wikipedia